„Die sind überhaupt nicht schlimm“ – mein Leben mit einer Veganerin

Ich gebe es zu: Ich war anfangs skeptisch gegenüber diesem Veganismus. Einen Vegetarier konnte ich verstehen. Fleisch brauchte auch ich nicht jeden Tag auf dem Teller. Doch wie soll das gänzlich ohne tierische Produkte gut gehen? Da fehlen einem doch die ganzen wichtigen Nährstoffe! Tja, da habe ich wohl falsch gedacht. Ich wurde eines Besseren belehrt. Aber zurück auf Anfang.

Das Kennenlernen einer Veganerin

Ich studiere schon 2,5 Jahre gemeinsam mit Annie. Nie hat man sich so wirklich mit den Essgewohnheiten des anderen beschäftigt – schließlich waren wir nur Kommilitonen, doch daraus wurde mehr.
Die kitschige Lovestory lasse ich an dieser Stelle einmal aus und gehe direkt zu dem Teil, in dem ich die Veganerin in Annie kennenlernte und auch wirklich realisierte: Umso mehr Zeit wir miteinander verbrachten, desto öfter kam es auch dazu, dass wir zusammen aßen. Und dabei fiel nach einiger Zeit natürlich auf, dass sie auf tierische Produkte wie Fleisch, Milch und Käse verzichtet.
„Nicht einfach nur eine Vegetarierin“, dachte ich, „nein, schlimmer!“. Doch dieser Gedanke ist sowas von dämlich gewesen.

Die „Öko-Vegan-Weltverbesserer“ und die anderen

Man denkt natürlich erst einmal an diese typischen „Öko-Vegan-Weltverbesserer“, die Hardliner, die sofort mit dem Finger auf mich zeigen, wenn ich ein Stück Fleisch auch nur anschaue und mich komplett zur Sau machen, wie schlecht ich und alle anderen Fleischfresser doch sind. Doch das sind nur Vorurteile und nicht jeder Veganer hat das Bedürfnis, andere zu bekehren.

Es gibt schließlich Veganer wie Annie, die gar nicht unbedingt als solche erkannt werden wollen. Eben weil so viele Menschen diese Vorurteile haben und es dadurch nur zu unnötigen Diskussionen kommen würde: „Kein Fleisch kann ich verstehen, aber nicht mal Milch? Da fehlen doch die ganzen Nährstoffe. Die braucht dein Körper doch!“

Annie und ich im Westendpark Schmalkalden

Das Ganze erspart sie sich lieber, wenn es denn geht – nur leider nicht immer…

Vorurteile von älteren Generationen…

Gerade wenn es zum Kontakt mit Vertretern älterer Generationen kommt, denen man nicht so leicht aus dem Weg gehen kann, dann lässt sich das nicht vermeiden, wie zum Beispiel bei meinen Eltern (Grüße!), die Annie ja auch irgendwann mal kennenlernen „mussten“.

Mit einer eher konservativen Einstellung konnten meine Eltern den Veganismus nicht sofort verstehen. Nicht nur im Sinne des Nachvollziehens, warum sie das macht, sondern auch was sie nun letztendlich essen kann/möchte und was nicht. So hat es eine Weile gedauert, bis meine Mutter eine (kleine) Ahnung davon bekam, wo denn eigentlich was Tierisches drin ist und was wiederum als vegan gilt.

Mittlerweile gibt es aber mit jedem Besuch bei meinen Eltern einen veganen Kuchen für Annie und ganz viele Ersatzprodukte, die meine Mutter extra einkauft. Das muss doch gar nicht alles sein, aber trotzdem: Danke Mama!

…und noch älteren Generationen

Eine noch ältere Generation schafft es dann doch nicht mehr so ganz, diesen neumodischen Kram so ganz zu verstehen. Meine Oma denkt noch immer, dass Veganismus eher eine Allergie ist, die irgendwann mal besser wird, oder aber auch eine Diät, von der man mal kurz abweichen kann, um doch ein Stückchen der edlen Vollmilchschokolade zu probieren.

Naja, das mit dem Veganismus ist für meine Großeltern wie mit den Computern oder Smartphones. Das gibt es jetzt überall, aber komplett verstehen müssen sie das nun auch nicht. 🙂

Meine eigenen Vorurteile und wie ich eines Besseren belehrt wurde

Aber nicht nur andere Menschen und die der älteren Generation haben Vorurteile. Auch ich hatte sie und dachte, dass ein Veganer ja irgendwie unterversorgt sein muss. Warum sonst essen wir alle wie verrückt so viel Fleisch und trinken so viel Milch?

Tja, darauf habe ich keine Antwort. Wahrscheinlich, weil sich das irgendwann mal so durchgesetzt hat und die Welt (und unsere Körper) nun an den Fleischkonsum gewöhnt sind. Oder es hat etwas mit unseren Urahnen und der gesamten Evolution zu tun. Aber das ist ja jetzt eigentlich völlig egal. Annie hat mir gezeigt, dass man sehr gut auch ohne tierische Produkte klarkommt. Man muss nicht mal immer auf teure Ersatzprodukte zurückgreifen, um etwas Ordentliches zu kochen.

Kochen mit einer Veganerin

Was immer geht sind Nudeln… und Nudeln sind geil! Dazu machen wir immer ein paar leckere Soßen, ob veganes Mac’n’Cheese oder eine Pilzsoße oder oder oder… Das funktioniert natürlich ohne Fleisch, aber auch ohne z.B. Sahne. Da gibt es auch immer etwas auf pflanzlicher Basis (aus Mandeln, Hafer oder Reis) und man schmeckt ehrlich gesagt keinen Unterschied im Essen.

Ebenso machen wir sehr viel mit Kartoffeln. In der „Vor-Annie-Ära“ habe ich mir nie Kartoffeln gemacht, weil ich sie als immer recht langweilig empfand. Stimmt aber auch nicht. Ob gekocht, gebraten oder im Ofen gebacken: Kartoffeln sind vielseitig und echt lecker. Eines meiner Lieblingsspeisen sind unsere Ofenkartoffeln mit dem geilsten Quark (ever!) – einfach und schnell gemacht.

An der Stelle muss ich jetzt zugeben, dass der vegane Quark oder auch die Sahne nicht sehr günstig sind und es nicht immer ohne geht, aber im Schnitt kommen wir nicht teurer als bei „normalen“ Einkäufen.

…und ich kann essen was ich will!

„Und, du bist dann jetzt auch Veganer?“ – Nein. Ich esse weiterhin Fleisch und Milchprodukte. Mein Fleischkonsum ist durch Annie sicherlich ein kleines bisschen gesunken, aber hoch war er sowieso nie besonders. Auf meine Pizza kommt ein bisschen Schinken, in meine Bolognese kommt weiterhin Gehacktes und ab und zu gibt es ein bisschen Hähnchenfleisch. Man könnte mich aber schon als Teilzeit-Vegetarier bezeichnen.

Was allerdings nicht reduziert wurde, sind Milch und Käse. Morgens trinke ich einfach super gerne eine Schokomilch (wer braucht schon Kaffee?) und auf meine Pizza oder Cannelloni oder sonstige überbackene Gerichte kommt noch immer richtiger Käse. Einfach weil mir der vegane Käse von Simply V, den Annie immer nutzt, nicht wirklich schmeckt.

Aber genau das ist der Punkt: Annie verzichtet grundsätzlich darauf, jemanden bekehren zu wollen und genau das finde ich wahnsinnig gut. Sie drängt oder verurteilt mich nicht für das, was ich esse – und umgekehrt ist es genauso. Jeder isst bei uns einfach das, was ihm schmeckt.

Insgeheim würde sie mich natürlich noch mehr lieben, wenn ich Veganer wäre, aber man kann ja nicht alles haben. 😉

Es funktioniert. Und es ist super!

Fleisch- und Pflanzenfresser können zusammen leben – zumindest in unserem Fall. Es klappt einfach sehr gut. Eigentlich denke ich auch überhaupt gar nicht mehr darüber nach, ob sich hier jetzt jemand vegan ernährt oder nicht. Es ist etwas vollkommen Alltägliches geworden und auch überhaupt nicht mehr kompliziert, wenn es ums Kochen geht. Und selbst Essen gehen wird immer unproblematischer, da immer mehr Restaurants etwas für Veganer auf die Karte setzen. Ein Blick auf die Webseite und schon ist die Sache geklärt.

Mein Fazit ist also folgendes: Dieser Veganismus ist überhaupt nichts schlimmes. Ich kann auch vollkommen die Motivation dahinter verstehen und entwickle selbst immer mehr ein gewisses Bewusstsein für meine Ernährung. Ob ich irgendwann selbst mal Veganer werde? Nein, echter Käse ist einfach zu geil. Ob ich irgendwann Vollzeit-Vegetarier werde? Das könnte passieren.

P.S.: Ein Beitrag von meinem Freund Alex. Vielen lieben Dank für deine Worte hier! Und natürlich auch Danke für die Bilder, Anna! 🙂

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